Make your own free website on Tripod.com
WELCOME

Welcome to the Enkang' oo lMaasai. This site is about the history, culture and society of the Maasai people of East Africa.

Bernard Hull

bruce.hull@dofa.gov.au
GPO Box 265
Hobart, Tasmania 7001
Australia

Die Völkerstämme im Norden Deutsch=Ostafrikas Von Max Weiß Oberleutnant, kommandiert beim Reichskolonialamt Mit 358 Abbildungen im Text, 21 ganzseitigen Tafeln und einer Karte BERLIN Verlag von Carl Marschner. 1910. Seiner Hoheit Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg, dem Leiter der Deutschen wissenschaftlichen Zentralafrika-Expedition 1907/1908 in tiefster Ehrfurcht und Dankbarkeit zugeeignet. VI. Die Masai und Wandorobbo. Das Volk, das mir während meiner ganzen vierjährigen afrikanischen Tätigkeit am interessantesten war, sind die Masai. Der Wunsch, sie und die von ihnen bewohnten wildreichen Jagdgründe kennenzulernen, veranlaßten mich seinerzeit, auf meinen Heimatsurlaub zu verzichten und weiter teilzunehmen an den strapazenreichen Arbeiten der Grenzexpedition durch dieses hochinteressante Gebiet hindurch bis zum Indischen Ozean. Ein eigenartiger Zauber liegt in dem Wort ,,Masai". Sind sie doch als der kriegerischste aller ostafrikanischen Stämme bekannt und haben sowohl den englischen wie auch den deutschen Schutztruppen in vielen Kämpfen schwere Verluste beigebracht. Selbst das Schnellfeuer der Hinterlader hat oft den Ansturm der nur mit Hieb- und Stichwaffen ausgerüsteten Masai nicht abwehren können. Auf die umwohnenden Eingeborenen aber hat der Ruf: ,,Die Masai kommen" zum mindesten dieselbe Wirkung wie seinerzeit bei den Römern das Wort: ,,Hannibal ante portas". Der persönliche Schneid der Masaikrieger, die nicht davor zurückschrecken, dem Könige der Tiere in freier Steppe nur mit dem langen Speer in der Faust gegenüberzutreten, und ihre kriegerischen Tugenden müssen in jedem Mann vollste Sympathie erwecken. Ich gestehe ganz ehrlich, daß sowohl mein Freund Captain T. T. Behrens von der englischen Grenzkommission wie ich die Hoffnung hegten, uns einmal mit solchen Gegnern im Kampfe zu messen. Noch ein weiterer Umstand trat hinzu, der uns reizte, die Grenzexpedition durch die Masaisteppe hindurchzuführen; galt sie doch in dieser Gegend wegen Wassermangels und wegen des Fehlens ackerbautreibender Stämme für unpassierbar. Außerdem war uns bekannt, daß der damalige Gouverneur von Trotha, der nicht einmal wie wir an eine ganz bestimmte Marschrichtung gebunden war, sondern im Bogen weiter südlich die Steppe durchquerte, dieses nur mit Opfern an [318] Menschenleben, Reit- und Lasttieren ermöglichte, so daß auch das Reichskolonialamt lebhaftes Bedenken hatte, uns durch dieses unwirtliche Gebiet ziehen zu lassen, bis Goldfunde in unmittelbarer Nähe der Grenze eine Vermessung derselben dringend erforderlich machten. Waren dies Momente, die auf uns Europäer einen hohen Reiz ausübten und in uns das Verlangen erweckten, Land und Leute kennenzulernen, so verhielt es sich gerade umgekehrt bei unseren Trägern, den sonst sehr tüchtigen und leistungsfähigen Wassukuma. Sie sahen in einem Zug durch diese Steppe nur ein höchst gefahrvolles Unternehmen, bei dem ihnen ständige Überfälle der kriegslustigen Masai bevorstanden. Hatten sie doch selbst schon häufig in ihrer Heimat Ussukuma räuberische Einfälle zu erdulden gehabt. Nur der Autorität unseres Expeditionsleiters, des Hauptmanns Schlobach, der früher ihr Stationschef war, gelang es, sie zu dieser Durchquerung zu verpflichten. Wie es auch lediglich seiner Umsicht und Tatkraft zuzuschreiben ist, daß die uns gestellte Aufgabe, wenn auch unter großen Anstrengungen und Entbehrungen, zur vollsten Zufriedenheit des Reichskolonialamtes gelöst wurde. Am Rande des über 300 m tief fast senkrecht abfallenden Utimbaruplateaus stehend, lassen wir die Blicke in sehnsuchtsvoller Erwartung dessen, was uns die nächsten Monate bringen werden, nach Osten schweifen. Unter uns breitet sich schier endlos die mit hohem Gras und Akazienbusch bestandene Masaisteppe, und in ihr sehe ich mit meinem guten Buschglase deutlich zahlreiche Wildherden, aber soweit das Auge reicht keinen Menschen. In vorsichtig zögerndem Schritt, fest auf den Bergstock gestützt, steigen wir den Steilabfall des Plateaus hinab und befinden uns jetzt in der Masaisteppe. Es ist hier nicht der Ort, die Eindrücke zu schildern, die mir gleich am ersten Tage das so außerordentlich wechselreiche Bild der Tierwelt bereitete; nicht die Empfindungen, die in mir ausgelöst wurden, als ich gleich in der ersten Nacht die gewaltig packenden Töne eines brüllenden Löwen horte. Der so eigenartige Zauber der Masaisteppe hielt mich gleich vom ersten Tage an umfangen, und immer wieder drängte sich mir die Frage auf, wann werde ich mit dem ersten Masai zusammentreffen, und wann werde ich den ersten Löwen strecken? So unglaublich es klingt: ich habe erst die ganze Masaisteppe durchqueren müssen, um dann endlich am Nordhange des Kilimandscharo in Leitokitok die erste Masainiederlassung zu finden. Auch nicht einer von uns 15 Europäern der gemeinsamen deutsch-englischen Grenzexpedition, die wir doch stets mit nur ganz kleiner bewaffneter Macht getrennt marschiert sind und gearbeitet haben, ist mit den Masai zusammengestoßen. Der Grund lag einmal darin, daß die Masai schon kurze Zeit nach dem Eintreffen der Grenzexpedition am Ostufer des Viktoria-Sees genau [319] unterrichtet waren von der Stärke und Zahl der Europäer, und daß sie es deshalb nicht für ratsam hielten, einen Angriff zu unternehmen, um so mehr, als es bei uns ja nichts zu holen gab und wir auch nichts von ihnen wollten. Die andere Ursache hatten wir wohl darin zu suchen, daß mitten in der Steppe dicht an der Grenze das Gouvernement einen Offizierwanderposten errichtet hatte, der von Leutnant (jetzt Oberleutnant) von Wiese und Kaiserswaldau geführt wurde. Mit seiner kleinen aber hervorragend disziplinierten Askaritruppe zog er ununterbrochen in anstrengenden Märschen im Grenzgebiet umher und hielt so die Masai in Schach. Sein weiteres, nicht zu unterschätzendes Verdienst bestand darin, daß er sich das volle Vertrauen der sonst so scheuen und europäerfeindlichen Wandorobbo erwarb und stets über landeskundige Führer verfügte, was nie so dringend erforderlich war für das Vorwärtskommen unserer Karawane, wie gerade hier in dem wasserarmen und unbewohnten Gebiet.

Abb. 1 / 249. Der Kibo, das Schnee- und Eisplateau des Kilimandscharo (vom Lager Leitokitok aufgenommen). Daß in bewohnten Gegenden sich mit großer Schnelligkeit und Genauigkeit die Nachrichten über den Anmarsch einer Karawane im Lande verbreiten, haben wir bereits gehört; geradezu erstaunlich aber war es, daß durch diese weiten unbewohnten Gefilde in kurzer Zeit die Kunde von dem Anmarsch der Grenzexpedition bis zum Kilimandscharo gelangt [320] war, und zwar vollkommen richtig, was die Zahl der Europäer anbelangte, nur die Stärke unserer bewaffneten Macht war viel zu hoch angegeben worden. Die Träger dieser Botschaft waren zweifellos die Wandorobbo.

Abb. 2 / 250. Der Mawensi (zum Kilimandscharo gehörig). Die Bezeichnung Masaisteppe für das weite von den Masai und auch den Wandorobbo bewohnte Gebiet, das etwa zwischen dem 34. und 38. Längengrad, sowie dem 3. Grad nördlicher und 6. Grad südlicher Breite liegt, erweckt die falsche Vorstellung, daß wir es hier nur mit einem Steppenland zu tun haben. Wohl finden wir weite Gras- und Buschsteppen, wie am Mara, bei Olgoß und an vielen anderen Punkten, aber in diesen wieder Hochplateaus und stark zerklüftete Gebirge von über 2000 m Durchschnittshöhe, so daß wir bei unserer Durchquerung nach höchstens zweitägigem Marsche durch Steppenland wieder einen Gebirgszug vor uns hatten, und das war unsere Rettung. Denn zur Trockenzeit konnte man vergeblich in der Steppe nach Wasser suchen; ja selbst das Graben in den ausgetrockneten Flußbetten blieb ergebnislos. Stets jedoch [321] fanden wir -- oft allerdings erst nach langem mühseligem Suchen -- in den Bergen Wasser.

Abb. 3 / 251. Dichter Urbusch am Kilimandscharo. Die Hauptschwierigkeit bei Durchquerung dieses Gebietes bestand darin, daß wir durch unsere Arbeit an eine bestimmte Marschroute gebunden waren und unsern Weg nicht mit Rücksicht auf die Wasserstellen [322] wählen konnten. Oft kamen meine Führer zu mir und baten mich: ,,Herr, wir müssen nach Süden; wenn wir diese Richtung beibehalten, werden wir nie Wasser finden." Das Wort ,,ngare medi", kein Wasser, das wir so oft zu hören bekamen, wirkte stets auf uns Europäer, noch mehr aber auf die armen, nach langem Marsche ermatteten Träger recht niederdrückend. Ich entsinne mich deutlich eines Tages: die Trockenzeit hatte ihren Höhepunkt erreicht, um 6 Uhr früh waren wir von unserm Lagerplatz abmarschiert und zogen schon 7 Stunden in der sonnendurchglühten, verdorrten Steppe lautlos, matt und stumpfsinnig dahin, ohne die geringste Aussicht auf Wasser. Mehrere Male hatten wir ausgetrocknete Flußbetten passiert, an deren Struktur man erkennen konnte, wie hier zur Regenzeit wildschäumende Wassermengen dahingebraust waren. Jetzt fanden wir selbst durch Nachgraben nicht einen Tropfen Wasser. Acht Stunden zogen wir bereits durch die Steppe, da kam mein Führer zu mir und sagte: ,,Herr, wenn wir jetzt nicht nach Süden marschieren, dann müssen wir verdursten." Ich hatte jedoch nicht im Süden zu arbeiten, sondern im Norden. Wir gingen also nach Norden weiter. Um 5 Uhr nachmittags machte ich an einem Hügel mit meiner völlig ermatteten Karawane Halt und suchte mit dem Glase die Gegend ab. Hierbei fand ich am Hange eines Höhenzuges in zwei Kilometer Entfernung eine kleine Stelle mit frischem grünen Gras. Sofort begab ich mich dorthin und entdeckte zu unserer größten Freude eine, allerdings nur tropfenweise rieselnde Quelle. Um 12 Uhr nachts hatte auch der letzte Träger seinen Krug gefüllt. Häufig mußten wir froh sein, nach angestrengten zehnstündigen Märschen unser Lager an einer Wasserstelle aufzuschlagen, die weiter nichts wie eine dunkelbraune Flüssigkeit enthielt, in der vielleicht kurz vorher noch sich ein Nashorn gewälzt hatte. Jedoch ohne Besinnen stürzte sich alles auf diesen Tümpel und sog mit gierigen Zügen das höchst zweifelhafte Naß. Betrachten wir uns ganz kurz die sogenannte Masaisteppe dort, wo die Grenzexpedition sie berührt hat: Vom Utimbaruplateau aus marschieren wir durch lichte Akaziensteppe, die im Durchschnitt 1350 - 1400 m hoch liegt, mit zum Teil niedrigem, zum Teil meterhohem Grasbestand, und erreichen nach 4 - 5 Stunden den Marafluß (Tafel XVII), der südlich Schirati in den Viktoria-See mündet. In dieser Steppe liegen Weideplätze und am Tikitei, dem Nebenfluß des Mara, Tränken der Bakulia. Die Steppe selbst ist sehr wildreich, vorherrschend finden wir Jimera, Swala (Schwarzfersenantilope), Thomsongazellen und am Mara selbst Wasserböcke; daneben noch zahlreiche kleine Antilopenarten. Nach Durchquerung [323] des Mara setzen wir den Marsch durch welliges Steppenland fort und treffen hier, nur einen Tagemarsch östlich des Flusses, die ersten Spuren kürzlich verlassener Wandorobboniederlassungen und am nächsten Tage bereits einen bewohnten Kraal. Achtlos wären wir an dem ganz im dichten Buschwerk versteckten Dorf vorübergegangen, wenn uns nicht das Blöken der Schafe angelockt hätte.

Abb. 4 / 252. Felsblock in der Masai-Steppe. Der nächste Tagemarsch bereits brachte mich wieder an ein Wandorobbolager, in dessen unmittelbarer Nähe ich auf einer saftigen, großen Wiese das Lager aufschlug. Eingesäumt ist mein Lagerplatz von großen Bosketts, die gerade jenem Teil der Masaisteppe, den ich in den letzten zwei Tagen durchquert hatte, ein so eigenartiges Gepräge geben; dicht vor mir liegt der steil 2200 m hoch ragende Gipfel des Kogaberges, den wir als trigonometrischen Punkt benutzten. Er gehört zu einem Gebirgsstock, der hier auf unserer Route zum erstenmal die zum Teil hügelige zum Teil ganze flache Steppe unterbricht und das kleine, klare Bächlein, das mir zu Füßen plätschert, mit Wasser versorgt. Hier fand ich bei dem Ältesten der Wandorobbo ein sehr liebenswürdiges Entgegenkommen; er ließ mir sogar einen Hammel überreichen und gab mir Gelegenheit [324] zum Erwerb verschiedener interessanter ethnographischer Gegenstände und zu photographischen Aufnahmen. Von hier aus zieht sich ein mehrfach unterbrochener Gebirgsstock von 2200 m Durchschnittshöhe in südlicher Richtung auf Olgoß zu bis etwa auf 10 km an dasselbe heran. Die dazwischenliegenden Längs- und Quertäler zeigen meist lichten Baum- und Buschbestand, zum Teil sind sie aber auch, ebenso wie die Hänge, mit undurchdringlichem Dickicht bewachsen, wodurch das Besteigen der Berge außerordentlich erschwert wird. Hat man nicht das Glück, auf Nashorn- oder Büffelpfaden durchzukommen, so ist stundenlanges Arbeiten mit Axt und Buschmesser nötig, um sich einen Weg zu bahnen. Das Betreten der Nashorn- und Büffelpfade ist nicht ungefährlich. Verschiedene Male kamen uns Nashörner entgegen oder Büffel brachen, wütend schnaubend, in unmittelbarer Nähe von uns durch das Dickicht, so daß einem meiner Wandorobboführer die Situation zu ungemütlich wurde und er spurlos im Dickicht verschwand, um nicht wiederzukommen. Der schon vorstehend erwähnte Offizierposten Olgoß liegt 40 km von der Grenze entfernt. Er ist auf einem freiliegenden steinigen Hügel, der guten Umblick gestattet, errichtet. Folgen wir vom Berge Koga aus dem Verlauf der Grenzlinie, so haben wir auf dem 90 km langen Weg bis zum Ostafrikanischen Graben ein stark zerklüftetes Gebirgsland, das im Durchschnitt 2200 m hoch ist, aber auch Berge von 2500 m aufweist, zu durchqueren. Vom Posten Olgoß aus führt uns ein bequemerer Weg durch die 33 km breite, außerordentlich wildreiche, leichtgewellte Grassteppe. Bei Oliondo erreichen wir dann wieder Gebirgsland. Zwischen den Bergen, vor allem an dem Flusse Bolloledi, liegen noch kleinere wildreiche Gras- und Buschsteppen, die infolge ihrer Höhenlage von fast 2000 m ein durchaus gesundes, nahezu europäisches Klima aufweisen; hier traf ich wiederholt Wandorobbo. An einem idyllisch schönen Fleck, unmittelbar neben einer klaren Quelle und nahe dem löwenreichen Bolloledi befand sich unser Verpflegungsdepot Mundorossi. In der Anlage dieser drei bis vier Tagemärsche voneinander entfernten Depots bestand für uns die einzige Möglichkeit, die Masaisteppe zu durchqueren. Es bedurfte der langjährigen Erfahrung und der Fähigkeit des Hauptmanns Schlobach, monatelang voraus disponieren zu können, um diese Depots richtig anzulegen und rechtzeitig mit Verpflegung zu versorgen. Wir waren bei unserer trigonometrischen und topographischen Tätigkeit völlig von ihnen abhängig. Der Weitermarsch nach Osten war infolge des fortwährenden Bergauf und Bergab und durch das dichte Gestrüpp und Buschwerk, das wir in den Tälern und auf den Berghängen fanden, sehr beschwerlich. [325]

Abb. 5 / 253. Der Meru- Berg, im Vordergrunde Militärstation Aruscha. [326] Von Mundorossi aus haben wir in drei angestrengten Tagemärschen den Westrand des ostafrikanischen Grabens erreicht und genießen hier auf dem Oldonjo-Sambu einen prachtvollen Anblick. Dicht vor unsern Füßen stürzt der Steilabfall von 2022 m Höhe fast senkrecht ab bis zu einer Tiefe von 620 m. Weit unten blinkt in der grellen Tropensonne weißschimmernd der Spiegel des fast 60 km langen Natronsees; kein Lufthauch kräuselt seine glatte Fläche und eigenartig wirkt auf uns, die wir jetzt tagelang durch die üppigste Baum- und Buschvegetation marschiert sind, die völlige Kahlheit und Dürre seiner Ufer. Diese Wirkung wird noch erhöht durch den Anblick des in starrer Nacktheit vor uns auf dem jenseitigen Ufer in fast 3000 m Höhe steil emporragenden, viel zerrissenen, mächtigen Blockes des Vulkans Oldonjo-Gelei. Der See selbst ist eingefaßt von einem schmalen weißen Band; es ist die Ablagerung des Natronsalzes. Dicht neben diesem weißen Saume erblicke ich am ganzen Nordufer einen rosaschimmernden Streifen, den ich mir anfangs von meinem hohen Standorte aus nicht erklären kann, bis mein gutes Buschglas mir Aufschluß gibt; es sind unzählige Flamingos, die dort im seichten Wasser einherstolzieren und sich mit ihren langen Hälsen und krummen Schnäbeln vom Grunde des Sees ihre Nahrung holen. Der Abstieg zum ostafrikanischen Graben erfolgt in zwei sehr steilen Terrassen. Trotzdem der Weg in zahlreichen Serpentinen sich nach unten windet, ist er doch noch so steil, daß mancher Träger mit seiner Last -- gerade nicht zum Vorteil dieser -- ausgleitet. Endlich auf der Sohle des Grabens am Nordufer des Sees angelangt, empfängt uns eine Gluthitze, wie wir sie seit Verlassen der Küste, also seit 21/2 Jahren, nicht empfunden haben. Kein Luftzug verschafft uns Kühlung und sengend heiß strahlt der kahle rotbraune Boden die Sonnenglut zurück; er war so stark erhitzt, daß meine Träger trotz ihrer Hornhaut unter den Füßen mit ihren schweren Lasten im Laufschritt bis zum Wasser eilten und in diesem weitermarschierten. Wie wir jetzt deutlich wahrnehmen konnten, ist der See außer mit Flamingos noch mit zahlreichen Pelikanen und Reihern bevölkert. Auch in der Nacht kühlte es sich nicht ab, außerdem wurden wir derartig von Moskitos geplagt, daß meine Träger sich gar nicht zur Ruhe begaben, sondern die ganze Nacht am Feuer saßen und versuchten, durch den Rauch die Moskitos zu verjagen. Ja, einige Träger liefen sogar, um sich von ihren Peinigern zu befreien, in den See hinein. Zum Glück kamen wir bald wieder in höhergelegene Gegenden und 30 km östlich des Natronsees befanden wir uns wieder in Gebirgsland von 2000 m Durchschnittshöhe. Mit Ausnahme des Natronsee- und Amboseliseegebietes ist die Masaisteppe, dort wo ich sie kennen lernte, [327] gesund, vor allem aber in den gebirgigen Teilen, so daß sie mit ihren weiten, zu Viehweiden hervorragend geeigneten Grassteppen sehr wohl besiedelungsfähig ist, vorausgesetzt, daß Verkehrswege geschaffen werden.

Abb. 6 / 254 Felskuppen auf den nördlichsten Ausläufern des Kilimandscharo. Auf dem Weitermarsch nach Osten treffen wir wieder, wie westlich des Natronsees, Gebirgszüge abwechselnd mit welligem und hügeligem [328] Steppenland, in dem sich zahlreiche Wildherden tummeln und aus dem zwei gewaltige Massive emporragen. Es ist der dunkle, steil abfallende 2570 m hohe Oldonjo-Erok und der 2600 m hohe Longidoberg. Beide sind bewaldet und vor nicht langer Zeit, wie deutliche Spuren zeigten, hatten dort noch Elefanten gehaust. Von hier führt uns der schmale, erst von unsern Trägern angelegte Weg in gleichmäßigem Fall zu einer breiten flachen Grassteppe von nur 1200 m Durchschnittshöhe, in der die Njirisümpfe und der Amboseli-See liegen. Hier befinden sich wieder gute Weideplätze für ungezählte Wildherden. Vor allem zieht sich zur Trockenzeit das Wild aus der wasserlosen Steppe an diesen ständigen Wasserstellen zusammen, und die Löwen haben an den Tränken ein bequemes Jagen. Nach Durchquerung dieser etwa 30 km breiten Grassteppe, die in ihrem östlichen Teil in einen dichten Buschwald übergeht, stehen wir am Fuße des Kilimandscharo (Abb. 249 und 250), der mir aus dem vortrefflichen Werke des Professors Hans Meyer bekannt war und den aus eigener Anschauung kennen zu lernen jeden, der die packenden Schilderungen dieses Forschers gelesen hat, reizen muß. Leider ist das Haupt des Berges fast immer in Wolken gehüllt und stets nur während der Regenzeit liegt er zu früher Morgenstunde in seiner ganzen majestätischen Pracht vor uns. Schon einmal hatte ich den überwältigenden Anblick dieses mächtigen Bergriesen genossen. Es war südlich vom Berge Longido; wie bei unserer angestrengten Tätigkeit üblich, hatte ich bereits eine Stunde vor Sonnenaufgang mein Lager verlassen und marschierte durch eine weite offene Buschsteppe nach Osten in Richtung auf den Kilimandscharo. Bald zeigte sich vor uns tief unten am Horizonte der erste fahlgraue Dämmerstreifen. -- Die Leute, die behaupten, daß es in den Tropen keine Dämmerung gibt, sind nicht mit offenen Augen durch das Land gegangen; wohl ist sie kürzer wie hier bei uns, doch gibt es eine Morgenund Abenddämmerung. -- Das Tagesgrauen wich einer schwach rosaroten Färbung, die immer intensiver wurde, bis die ersten Strahlen der höher steigenden Sonne den Osten in purpurne Glut tauchten. Jedoch nicht durch dieses schöne Naturschauspiel, das wir ja schon so oft genossen hatten, wurde unser Auge gebannt, sondern durch ein weit packenderes, bisher noch nicht geschautes: Vor uns in einer Entfernung von 90 km lag in völliger Klarheit das 6000 m hohe, mit ewigem Eis und Schnee bedeckte Haupt des Kilimandscharo. Scharf hoben sich die Umrisse dieses gewaltigen Blockes ab und es machte auf uns, die wir 4000 m tiefer standen, den Eindruck, als rage er mit seinem mächtigen breiten Schneehaupte bis in den Himmel hinein. Nicht in schneeiger Weiße sahen wir seinen Gletschermantel, sondern von der aufgehenden Sonne mit einem zarten rosafarbenen Hauch übergossen, und wie mit der aufsteigenden Sonne der Horizont selbst intensivere Töne annahm, so war auch bald das riesige Schneehaupt wie mit Purpur überzogen. Ein Bild, das wohl nur wenige geschaut haben und das den wenigen für ihr ganzes Leben unvergeßlich bleiben wird, ein Bild, das Meister Kuhnert, der Beherrscher [330] afrikanischer Farbentöne, so herrlich wiedergegeben hat. Mit der höhersteigenden Sonne verblaßten die roten und rosa Tone und der Firnenkranz des Bergriesen lag in blendender Weiße vor uns. Nur kurze Zeit konnten wir dieses herrliche Naturschauspiel genießen. Aus dem breiten Urwaldgürtel, der den ganzen Kilimandscharo umgibt, stiegen wallende Nebel auf, die sich zu Wolken verdichteten und bald den Gipfel eingehüllt hatten, so daß nur noch der dunkle, breite untere Block sichtbar blieb.

Abb. 7 / 8 Am Tschalla-See. Der Weitermarsch unmittelbar am Nordhange des Vulkans entlang war recht beschwerlich und zeitraubend durch die zahlreichen tief eingeschnittenen und häufig noch dicht bewachsenen Taler, die in die Ebene führen. Die wie riesige Zungen sich vom Kilimandscharo im gleichmäßigen sanften Abfall erstreckenden Hänge sind unmittelbar am Massiv des Berges mit dichtem, hochstämmigem Urwald bewachsen. Er saugt wie ein Schwamm die Niederschlage auf und hält sie fest; ohne ihn wäre der Kilimandscharo öde und unfruchtbar. An die Urwaldzone schließt sich eine Region mit dichtem, bis zu drei Meter hohem Urbusch, der nur auf Elefantenpfaden oder mit Axt und Buschmesser zu durchdringen ist. Hochst mühsam war hier das Topographieren; um die genügende Fernsicht zu gewinnen, mußten meine Träger erst in stundenlanger Arbeit das Dickicht niederlegen (Abb 251). Nach Beendigung dieser Aufnahmen langte ich in unserem astronomischen Beobachtungslager Leitokitok an, das unmittelbar am Urwaldrande, ja schon unter den schattigen, weitverzweigten Bäumen desselben lag. Hier machte sich die Nahe des ewigen Schnees deutlich fühlbar. Angenehm erfrischende Kühle herrschte selbst zur Mittagszeit, so daß wir während unseres ganzen Aufenthaltes nur europäische Kleidung trugen. Bitter kalt wurde es bei den nächtlichen Beobachtungen, trotzdem unser Lager nur 1860 m hoch lag. Ein eisiger Wind wehte Nacht für Nacht zu uns herüber, so daß die Finger am Instrument erstarrten und wir Blechgefäße mit glühender Holzkohle in unserer Nähe aufstellten, um arbeiten zu können. Eine hocherfreuliche Nachricht erhielt ich bei meinem Eintreffen in Leitokitok, nämlich die, daß nur zwei Stunden von hier entfernt sich eine größere Masainiederlassung befinde. Also endlich treffe ich sie doch noch! Ein Jahr lang war ich nun in der Masaisteppe herumgezogen und hatte vergeblich nach ihnen ausgespäht. Am nächsten Morgen bereits versuchte ich mit den Leuten Fühlung zu gewinnen; ich schickte Boten zu ihnen mit der Aufforderung, sie möchten zu mir ins Lager kommen, sie würden auch Geschenke erhalten. Stolz ließen sie mir sagen, wenn ich etwas von ihnen wollte, möchte ich zu ihnen kommen. Was blieb mir weiter übrig. Ich mußte sie kennen lernen, möglichst gründlich sogar, also war ich genötigt zu ihnen zu gehen. Wohl trieben sich täglich Masaiweiber [331] genug in unserem Lager herum, aber kein Krieger kam, und anderen Bekanntschaft lag mir doch besonders.

Abb. 9 / 256 u. 257. Masai-Krieger (Körperbau und Gestalt). Sofort nach Beendigung meiner astronomischen Arbeiten marschierte ich in die Steppe hinab und schlug mein Lager unmittelbar neben [332] der Masainiederlassung auf. Doch damit war ich noch lange nicht am Ziel. Erst mußte ich an den Häuptling und an die Krieger zahlreiche Geschenke verteilen ehe sie mir gestatteten, sie, ihre Weiber, Mädchen und Kinder zu photographieren. Von Leitokitok aus behielt ich dann noch mehrere Monate Fühlung mit ihnen und habe mit großem Interesse das Leben dieses mir hochsympathischen Stammes, so weit es meine karg bemessene freie Zeit erlaubte, studiert.

Abb. 10 / 11 Masai-Krieger (Körperbau und Gestalt). Die Masai, Langschädel wie die Wahima (Watussi), gehören zur semitischen Rasse, deren Heimat die arabische Halbinsel ist. Der Grund ihrer Wanderung war, wie bei den Wahima, durch Uebervölkerung entstandener Raum- und Nahrungsmangel. So sahen sie sich gezwungen, neue Weidegründe aufzusuchen Von Norden kommend, den Nil stromauf ziehend, gelangten sie schließlich auf ihrem Zuge in die weiten Grasländer der heutigen Masaisteppe und fanden hier vortreffliches Weideland und Raum für ihr Nomadenleben. die umwohnenden zahlreichen, Akkerbau treibenden Eingeborenen boten ihnen gute Gelegenheit, ihre kriegerischen Neigungen zu betätigen. Eine offene Frage ist die: Führten die Masai, wie die Wahima, bei ihrem Einfall in das Land Rinderherden mit sich oder nicht? Da sie ein Hirtenvolk sind, genau wie die Wahima, so ist wohl anzunehmen, daß sie mit ihren Rindern diesen Zug unternahmen und daß diese gleichfalls zur Sangagruppe gehörten. Dagegen spricht allerdings, daß man jetzt bei den Masairindern nicht mehr die Merkmale der Sanga-Rasse [333] findet; es sind durchweg Zebu-Rinder. Berücksichtigt man aber, daß die Masai durch zahlreiche Raubzuge immer wieder frisches Blut in ihre Herden brachten, so kann doch die Möglichkeit vorliegen, daß sie mit ihren Sanga-Rindern in das Land kamen, daß aber durch die so häufige Vermischung mit dem erbeuteten Vieh im Laufe der Jahrhunderte die charakteristischen Merkmale dieser Rasse völlig schwanden.

Abb. 12 / 259.13 Kopfbildung, Haartracht und Schmuck der Masai-Krieger. Auf die Geschichte der Masai will ich hier nicht weiter eingehen. Ich verweise jeden, der sich hierfür interessiert, auf das vortreffliche Merker'sche Buch. In nachstehender Beschreibung beschränke ich mich lediglich auf das von mir Gesehene und Erfragte. Zu meiner Freude traf ich bei meinen Nachforschungen wiederholt Leute, die mir von Merker und seiner Forschertätigkeit berichteten. Geradezu verblüffend wirkte auf mich die ganz selbstverständlich klingende Frage eines Kriegers von [334] Leitokitok, der mich beobachtete, wie ich meinen photographischen Apparat aufstellte. Er kam auf mich zu mit den Worten: „Ach, du willst uns photographieren?" Auf meine erstaunte Frage, woher er das wisse, erwiderte er mir: ,,Ja, hier war vor nicht langer Zeit der bana Schillingsi (Herr Schillings), und hat uns auch photographiert." -- Und ich hatte mir eingebildet, im dunklen Afrika zu sein! Die Schädelbildung und Gestalt der Masai veranschaulichen die Abbildungen 256, 257, 258, 259 und folgende. Wir sehen hier ebenso typische Langschädel wie bei den Wahima. Das längliche Gesicht zeigt feingeschnittene, hübsche und intelligente Zuge. Die Stirn ist gut gewölbt; die Nase schmal mit dünnen, flachen Flügeln und geradem oder leicht gewölbtem Rucken. Die Augen sind mandelförmig, die Lippen gut geschwungen, voll, aber dabei nie wulstig. Die wohlgeformten Ohren sind mittelgroß, werden aber leider, wie nachstehend geschildert, stark verunstaltet. Die Gestalten der Masai sind proportionierter, als die der überschlanken Wahima, denn der feine Knochenbau trägt gut entwickelte Muskeln, die infolge des Kriegshandwerks wohl geübt sind und dem ganzen Körper Straffheit und Elastizität verleihen. Wie bei den Wahima, so fällt uns auch bei den Masai ihre selbstbewußte Haltung auf, die bedingt ist durch ein außerordentlich stark entwickeltes National- und Rassebewußtsein. So erkennt er den Europäer absolut nicht als höherstehend an, bewahrt auch ihm gegenüber sein Selbstbewußtsein, das häufig sogar in Unverschämtheit ausartet. Die Hautfarbe zeigt ein verschieden getöntes Schokoladenbraun. Weitere charakteristische Merkmale sind die langen Arme und Beine, zierliche dünne Hand- und Fußgelenke, schmale Hände und Füße, schlanke, lange Finger mit leichtgewölbten, schmalen, langen Nageln. Wie die Wahima, so bewahren sich auch die Masai selbst im vorgerückten Mannesalter ihre Schlankheit. Tätowierung ist, allerdings nur in bescheidenem Maße, gebräuchlich. Es handelt sich hierbei lediglich um Ziernarben, die durch Schnitte mit einem kleinen scharfen Messer oder auch dem Rasiermesser ausgeführt werden. Eine Behandlung der Schnittwunden mit ätzenden Mitteln findet nicht statt, so daß die Tätowierung nur wenig hervortritt und dem flüchtigen Beschauer garnicht auffällt. Die gebräuchlichsten Formen sind Lyra und Hufeisen, doch finden wir auch Strichtätowierung. Meist wird sie auf dem Oberarm, seltener auf dem Bauche angebracht. Eine weitere ,,Verschönerung" ist das Entfernen der unteren beiden Schneidezähne. Sie werden in frühester Jugend bereits mit dem Messer gelockert, dann mit der Hand entfernt. Beim Zahnwechsel wird dieser Eingriff wiederholt. Es handelt sich hierbei fraglos um eine alte religiöse [335] Sitte, deren Bedeutung ich aber selbst bei den Dorfältesten nicht mehr erfragen konnte. Sie gaben mir vielmehr als Grund an: Sie entfernten diese beiden Zähne, damit in der Zahnreihe eine Lücke entstünde, durch die sie beim Bier- und Milchtrinken in langem Strahl spucken könnten.

Abb. 14 / 260. Zopfflechtender Masai-Krieger. An der schlanken schmalen Hand tragen sie lange Fingernägel, die nicht abgeschnitten, sondern abgebissen werden, wenn sie zu lang sind. [336] Schon in früher Kindheit werden die Ohrläppchen mit einem